Was ist eine Rechenschwäche/Dyskalkulie?

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Die Rechenschwäche ist keine Krankheit

Die Begriffe

Es gibt, wie für die LRS, einige Begriffe für die Benennung der Rechenschwäche. Laut Prof. Hans-Dieter Gerster von der Pädagogischen Hochschule Freiburg sind alle Begriffe wie Dyskalkulie, Rechenstörung und Rechenschwäche wissenschaftlich nicht erklärt. Deshalb ist es auch in vielen Bundesländern viel leichter einen Nachteilsausgleich für die LRS zu bekommen, als für die Rechenschwäche.

Ist die Rechenschwäche eine Krankheit?

Oft wird den Betroffenen suggeriert, dass es sich bei einer Rechenschwäche um eine Krankheit handelt. Darüber schreibt Sabine Omarow beim 3. LRS-Kongress zum Beispiel, wenn es um den Teufelskreis Lernstörung geht. Diesen Begriff wiederum haben Beetz/Breuninger geprägt und sehr gut erklärt. Kinder, die denken, sie hätten eine Krankheit oder gar eine unheilbare Krankheit, werden sich aufgeben.

Wenn ein Kind/Mensch erst einmal von sich denkt, dass es/er Mathe nicht kann, wird es/er es in der Regel Mathe nicht mehr lernen oder eben immer große Probleme damit haben. Es sei denn, es kommt ein anderer Mensch, der sagt: „Geh, hol dir Hilfe und probiere es doch noch einmal!“

Die Definition nach ICD 10

Sehr umstritten ist die Definition nach ICD 10 der WHO (Die Abkürzung ICD steht für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, die Ziffer 10 bezeichnet die 10. Revision der Klassifikation. Quelle: https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/)
Warum sie umstritten ist? Weil sie eine Diskrepanzdefinition enthält. Eine Dyskalkulie wird nur anerkannt, wenn das Kind/der Betroffene einen bestimmten IQ-Wert hat. Auch bei Kindern mit Erkrankungen wird oft eine Dyskalkulie nicht anerkannt.

Die Erfassung des IQ-Wertes ist ebenso umstritten

Das erklärt Sabine Omarow unter anderem in Ihrem Beitrag über den IQ beim 3. LRS-Kongress. Die Erfassung des IQ-Wertes ist an sich ebenso sehr umstritten, denn dieser Test ist oft ungenau, manchmal sogar falsch. Er erfasst immer nur den Tageszustand eines Menschen.

Nehmen wir mal an, das Kind fühlt sich nicht gut, hat Angst vor der Prüfungssituation oder mag den Prüfer nicht, dann hat es schlechte Karten. Es kann unausgeschlafen sein, Stress haben, es gibt so viele Parameter, die eine Rolle spielen. Dazu kommt, dass das Kind so oder so eine Rechenschwäche hat, die sich negativ auf das Resultat auswirken muss. Oft genug hat ein Kind nach einem Lerntraining einen höheren IQ als vorher.

Oft werden nur die Ergebnisse abgefragt

Sabine Omarow sieht das größte Problem bei diesen Tests darin, dass nur Ergebnisse erfragt werden, oft jedoch nicht, wie der Betroffene auf das Ergebnis kommt. Subjektive Bewältigungsstrategien, fehlerhafte Gedanken, falsche Rechenwege und die schulischen Bedingungen werden kaum berücksichtigt und erforscht. Es wird nicht geschaut, wo genau die Probleme beginnen und wie schnell das Kind vielleicht doch in der Lage ist, die Mathematik zu erfassen. Auch Entwicklungsverzögerungen können eine Rolle spielen, die es dem Kind zu diesem Zeitpunkt noch schwierig machen Mathe zu lernen. Wenn das Kind nicht richtig begleitet wird, hat es in den ein/zwei/drei Jahren so viel verpasst, dass es Hilfe benötigt, um die Rückstände aufzuarbeiten.

Alle Kinder mit Rechenschwierigkeiten brauchen eine Förderung

Davon abgesehen, Kinder mit einer geringeren Intelligenz benötigen natürlich ebenso eine gute Förderung. Da die Intelligenz kein starrer Wert ist, was wir inzwischen wissen, und sich bei Kindern sogar verändert, ist diese Diskrepanzdefinition in meinen Augen abzuschaffen.

Die Vorurteile

Leider gibt es immer noch sehr viele Vorurteile, die Kinder mit einer Rechenschwäche betreffen. Eine Rechenschwäche wird nicht vererbt. Wie die Vererbung funktioniert, wissen wir inzwischen. Auch hier hat sich unser Wissen stark verändert. Natürlich kann eine Rechenschwäche „vererbt“ werden, wenn die Kinder zu Hause hören: „Ich hatte auch schon eine Rechenschwäche!“ „Mathe konnte ich auch nie.“ Wenn Kinder zusätzlich in der Schule Ähnliches hören, glauben sie daran: „Du kannst das einfach nicht.“ „Mathe ist nicht dein Fach.“ „Du kannst ja was mit Sprachen studieren, denn Mathe liegt dir nicht“

Die Rechenschwäche ist keine Krankheit

Eine Dyskalkulie/Rechenschwäche ist keine Krankheit, ist keine Dummheit oder Faulheit, kann nicht an typischen Fehlern erkannt werden, hat man nicht ein Leben lang oder hört jedoch auch nicht einfach von selbst auf. Die Betroffenen benötigen die richtige Unterstützung, andere Methoden, mehr Zeit und jemanden, der an sie glaubt. So können sie ihre Rechenschwäche überwinden.

Die Erfahrung ist, die Sabine Omarow aus 16 Jahre Arbeit in der Praxis für Lerntraining gewonnen hat, dass eine große Anzahl der Betroffenen (Kinder/Jugendlichen/Erwachsenen) „nur“ eine Rechenschwäche haben, weil sie bereits bei den Grundlagen gescheitert sind, sich oftmals falsche Rechenstrategien und Rechenwege angeeignet haben. Natürlich gibt es Betroffene mit einer schweren Rechenschwäche, ihre Anzahl ist jedoch weitaus geringer. Und auch ihnen kann geholfen werden.

Wenn Betroffene zu Sabine Omarow kommen

Kommt ein Betroffener zu Sabine Omarow, fragt sie immer: „Wie steht es bei dir mit dem Minusrechnen?“ Meistens ist die Reaktion sehr stark, diese reicht von nicht leiden können bis zum Hass. Das sei jedoch ein wichtiger Hinweis dafür, dass sie sofort damit beginnen müsse, die Rechenstrategien und Rechenwege des Betroffenen zu hinterfragen.

Was kann getan werden, um diesen Kindern zu helfen?

Kann das Kind die Zehnerzerlegung auswendig? – Nein? Dann beginnt Sabine Omarow hier mit ihrer Arbeit. Die Zehnerzerlegung ist die Grundlage allen Rechnens. Dazu hat sie extra eine Challenge erarbeitet.
Kennt sich das Kind gut auf der Hundertertafel aus? Weiß es, wie das Zahlensystem aufgebaut ist?
Kann das Kind Zehner und Einer unterscheiden? Kann es über den Zehner rechnen?
Beherrscht es die richtigen Rechenwege?

Ein Kind, das eine Rechenschwäche hat, muss sich mit Mathe beschäftigen und lernen, wie es geht. Wenn die Erwachsenen dem Kind zeigen, wie es geht, die Freude am Fach wecken, wenn die Erwachsenen an das Kind glauben, wird es in den allermeisten Fällen seine Rechenschwäche überwinden können.

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